Versache 82- So ist ein Schwarzer auf dem Titelblatt 1977 erst recht eine Provokation. Seit »GQ« als Fashion-Magazin 1957 vom Lifestyle-Verlagshaus Condé Nast gegründet wurde, ist noch nie ein Model mit anderer Hautfarbe als Weiß auf dem Cover gewesen.

urs althaus model

 - Gesucht wurden Träger des »All American Look«. Ich fragte nach, ob ich an jenes Casting fahren könne. Meine Bookerin stutzte.

 

Dann sah sie mir lange in die Augen und erklärte: »Urs, du bist wirklich süß, aber dieses Casting ist nichts für dich. ›All American Look‹ ist nur was für Weiße .«Sollte das etwa ein Witz sein? Ich war mehr als erstaunt. Amerika, das klassische Einwandererland! Der Schmelztiegel der Nationen die neue Welt! Und hier waren nur Weiße »all American«?

 

- Wie genau die einzelnen Zutaten in diesem Schmelztiegel unterschieden wurden, erfuhr ich kurz darauf. Ich wurde zu Helen Weepman geschickt – der Staranwältin der ausländischen Models, die es immer wieder schaffte, uns, aus aller Herren Ländern angereist, ein Visum zueschaffen.  

Zuerst wollte Helen mich von unserem Rendezvous fortjagen, da sie, wie sie mit spitzer Stimme erklärte, »einen Schweizer erwartete «. Nachdem sie sich bei meiner Agentur vergewissert hatte, dass ich tatsächlich der gesuchte Schweizer war, durfte ich jedoch das Antragsformular ausfüllen. Als ich es ihr zurückgab, fand sie darin sogleich einen Fehler. »Da!« Sie kniff die Augen zusammen, rückte ihre Brille zurecht und bohrte den knallrot lackierten Nagel ihres Zeigefingers in das Blatt Papier, knapp unterhalb des Stichwortes »Nationalität«. Dort stand »Swiss«. Auch »Konfession« hatte ich korrekt ausgefüllt: »Protestant«. Dann, eine Zeile tiefer, der Fingernagel der Anwältin. Es war die Zeile, in der man sich eine Hautfarbe aussuchen durfte. Weiß, Schwarz, Braun, Rot, Gelb. Ich hatte sie leer gelassen. Denn wenn es nach mir ging, so war ich schlicht und ergreifend Schweizer. »Es gibt keine schwarzen, asiatischen oder weißen Schweizer in der Schweiz. Auch keine Hispano-Schweizer«, erklärte ich empört.

Helen Weepman nahm mir ungeduldig den Bogen aus der Hand. »Mein Stundenansatz ist ziemlich hoch. Und wenn du hier in Amerika arbeiten willst, dann lernst du besser schnell, dass du ein schwarzer Schweizer bist, nicht einfach nur ein Schweizer. Also mach jetzt hier ein Kreuz, sonst bekommst du kein Visum.«

 

image027-So lernte ich nach und nach, dass ich in Amerika nicht der Urs aus der Schweiz, sondern der schwarze Urs aus der Schweiz war.         Ein paar Tage nach meinem Visumsantrag hatte ich ein Shooting mit einem berühmten europäischen Fotografen, Alberto Rizzo, für das »Brides Magazine«. Zu jener Zeit versuchten alle Fotografen,die in Europa zu Ruhm und Ehre gelangt waren, in Amerika zu Geld zu kommen. Es waren vier Models für das Shooting gebucht worden, zwei schwarze, zwei weiße. Ich dachte mir überhaupt nichts dabei und stellte mich, auf dem Set angekommen, einfach auf einer Seite der kleinen Gruppe dazu. »Urs, wir sind hier in New York, also müssen wir das getrennt fotografieren.

 

Bitte stell dich nach rechts, zu deinem Mädchen.«Der Fotograf sagte es freundlich lächelnd – und ich tat, als sei nichts weiter passiert. Nach dem Shooting meinte meine – natürlich schwarze – Braut: »Weißt du, wenn du länger hier in Amerika arbeitest, dann lernst du, mit diesen Dingen umzugehen.« So war das damals. Alle Models sprachen von »diesen Dingen«. Nie sprach jemand von Rassismus.

 

-Besonders die Freunde aus dem »Studio 54«, aus der weit verzweigten Mode-Family vonPop-Art-Guru Andy Warhol, der in der Subkultur seiner New Yorker »Factory« mit ihren 57 Mitgliedern Kunst, Filme und Siebdrucke am Fließband fabrizierte, sich mitRockstars wie Mick Jagger oder David Bowie und einer großen Entourage vergnügte; Warhol war der wohl einflussreichste Nicht- Art-Director aller Zeiten – für Mode.

 

- Nie zuvor hatte es etwas dem »Studio 54« Vergleichbares gegeben:ein Inferno – oder Nirwana – aus Drogen, Geld, Macht, Politikund purer Lust. Ein Club, in dem jeder ein Star war, ob reich, arm, jung, alt, hetero oder schwul oder beides in einer Nacht –falls er am Türsteher vorbeikam. Selbst Lillian Carter, die Mutter des amtierenden Präsidenten Jimmy Carter, schwärmte: »Ich weißnicht, ob ich im Himmel war oder in der Hölle.

 Eigentlich ist das ganze »Studio 54« heute für mich und alle, die überlebt haben, zu einer einzigen Erinnerung verschmolzen.     

 

-   Über Nacht erwarb sich das »Studio« den Ruf eines Sündenbabels. Aids war noch unbekannt, und der Konsum von Drogen gehörte in New York quasi zum guten Ton. Das »54« galt als Spielwiese

für alle, die schon immer von Partys geträumt hatten, auf denen sie ihren Fantasien freien Lauf lassen und hemmungslos bis in die frühen Morgenstunden feiern konnten.   

Optimized elite in Viva urs und rachel ward 2016

  

 -Ich sehe mich noch heute: Da stand ich an der Brüstung des Balkons, zum ersten Mal im »Studio 54«. Sah fasziniert und fassungslos auf eine Welt, die mir im Grunde völlig fremd war. Auf zuckende

Glieder, nackte Brüste, auf Menschen, auf ein Treiben, ein Leben, unfassbar weit entfernt von meiner Kindheit in der Innerschweiz.Und ich sah die Schwarzen, die Farbigen, Jamaikaner, Afrikaner, Mischlinge.

An diesem Abend im »Studio 54« dachte ich an meinen Vater aus Nigeria. An die Hälfte meines Ichs, die ich bisher verdrängt hatte, nicht wirklich kennen wollte.

 

- Der Booker unternimmt alles, um das Model zum Star auf zu- bauen. Wird ein Model nicht von einer Topagentur vertreten, ist der Traum vom Topmodel nicht zu realisieren. Nur wer zu den zwanzig Besten der Weltmodelszene gehört, kann es zu großem Reichtum bringen. Wer es unter die Top-Zweihundert schafft, hat zumindest ausgesorgt.

 

- Hollywood hatte in diesen Zeiten keine echten Stars zu bieten. Also gingen Modehäuser und Designer dazu über, exklusiv »Ge- sichter« für horrende Gagen zu verpflichten. Genau das ist der Grund, warum bis heute Supermodels wie Linda Evangelista, Cindy Crawford, Christy Turlington und Kate Moss zu »Marken« wurden, die fast jede Frau auf diesem Erdball kennt.